Sachliche Stundungsgründe

Sachliche Stundungsgründe sind Voraussetzung für eine Stundung nach § 222 Abgabenordnung (AO). Sachliche Stundungsgründe ergeben sich aus objektiven Umständen. Sie müssen individuell im Einzelfall festgestellt werden. Dabei kann auf eine umfangreiche Rechtsprechung zur Orientierung zurückgegriffen werden.

Insbesondere unerwartete Steuernachforderungen[1]und bestehende Gegenansprüche des Steuerpflichtigen (Verrechnungsstundung[2]) sind unter bestimmten Voraussetzungen als Stundungsgründe anerkannt und können zur Begründung einer Stundung der Steuerforderung herangezogen werden.

Soweit nach dem erklärten oder mutmaßlichen Willen des Gesetzgebers angenommen werden kann, dass die Besteuerung nach dem Gesetz zu einem vom Gesetzgeber nicht gewollten Ergebnis führt, liegt sachliche Unbilligkeit vor, welche darüber hinaus den Erlass der Steuerforderung rechtfertigt[4].

Wichtige sachliche Stundungsgründe gestalten sich wie folgt:

Sachliche Stundungsgründe …

… vorhanden:

… nicht vorhanden:

  • unerwartete Steuernachforderungen[5]

  • kurzfristig erheblich erhöhte Vorauszahlungen[6]

  • Verrechnungsstundung[7]

  • Realisierung stiller Reserven ohne Zufluss von Geldmitteln[8]

  • Rechtswidrigkeit des Steuerbescheids[9]

  • offenes Rechtsbehelfsverfahren[10]

  • Verfassungswidrigkeit des Steuergesetzes[11]

Nochmals zu beachten ist, dass die Feststellung von Billigkeitsgründen immer für den jeweiligen Einzelfall zu erfolgen hat. Die vorgenannten Beispiele  sachlicher Billigkeitsgründe geben insoweit lediglich eine grundlegende Orientierung, wobei Abweichungen im Einzelfall möglich sind. 


[1] Vgl. BFH, 25.06.1981, IV R 241/80, BStBl II 1982, 105; BFH, 22.08.1974, IV R 86/74, BStBl II 1975, 15

[2] Vgl. BFH, 07.03.1985, IV R 161/81, BStBl II 1985, 449; BFH, 14.08.1963, V 132/59 U, BStBl III 1963, 445; BFH, 12.06.1996, II R 71/94, BFH/NV 1996, 873; BFH, 30.05.1990, I R 115/86, BFH/NV 1990, 757.

[4] Vgl. BFH, 24.09.1976, I R 41/75, BStBl II 1977, 127.

[5] Vgl. Klein, Rüsken, AO, 15. Aufl. 2020*, Rn. 31 zu § 222 AO. Allerdings strenger Maßstab bei Abschlusszahlungen, vgl. BFH, Urteil vom 21.08.1973, VIII R 8/68, BStBl. II 1974, 307 = NJW 1974, 1528.

[6] Vgl. BFH, 25.06.1981, IV R 241/80, BStBl II 1982, 105.

[7] Vgl. BFH, 07.03.1985, IV R 161/81, BStBl II 1985, 449; BFH, 14.08.1963, V 132/59 U, BStBl III 1963, 445; BFH, 12.06.1996, II R 71/94, BFH/NV 1996, 873; BFH, 30.05.1990, I R 115/86, BFH/NV 1990, 757.

[8] Vgl. Klein, Rüsken, AO, 15. Aufl. 2020*, Rn. 33 zu § 222 AO.

[9] Vgl. Klein, Rüsken, AO, 15. Aufl. 2020*, Rn. 41 zu § 222 AO.

[10] Vgl. BFH, 11.10.1989, I R 149/85, BFH/NV 1991, 14 = BeckRS 1989, 6048.

[11] Vgl. BFH, 14.08.1963, V 132/59 U, BStBl III 1963, 445; Klein, Rüsken, AO, 15. Aufl. 2020*, Rn. 41 zu § 222 AO.

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